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Paul Divjak: »Es ist unsere tägliche Entscheidung, worauf wir vertrauen.«

Wir alle tragen zur Gestimmtheit der Gesellschaft bei. Und allein schon die Absicht, die Annahme und die Vorstellung einer besseren Welt wird bereits ungeahnte, verändernde Wechselwirkungen hervorrufen, die wir nicht vorausbestimmen können …

Auszug aus dem Essay Vorbereitungen auf die Gegenwart


Vorstellungswelten
(Gesellschaft denken)

Bei der als objektiv angenommenen politisch-sozialen / gesellschaftlichen Wirklichkeit handelt es sich um ein Sammelbecken voller Stereotype und Vorurteile, gespeist aus dem Denken der europäisch-amerikanischen (westlichen) Kulturgeschichte,
in dem alles aufgestaut wird, was für die Selbstmodellierung und die Genealogie, Gegenwart und Zukunft einer Gesellschaft als wesentliches Narrativ (zur Legitimation des eigenen Handelns) angesehen wird.

Unsere Vorstellungswelt wird aktuell mit groben Werkzeugen bearbeitet, es hämmert Emotionalisierung durch radikalisierte Eingängigkeit.
Feinheit, Differenziertheit und das Interesse an Verteilungsgerechtigkeit und dem Wohlergehen aller bleiben zunehmend auf der Strecke.

Wirklichkeitsfiktionen ● Die Fiktionen, auf denen unsere Wirklichkeit beruht, nehmen wir nicht mehr wahr – es sind zu viele.

Wir neigen immer wieder dazu, das Gegebene zu spalten, trennen in Entweder-Oder, in Schwarz und Weiß, in Hell und Dunkel, Leben und Tod: Die Mechanismen unseres Denkens isolieren Vorstellungsmuster, die wir für Gesetzmäßigkeiten halten.

Wirklichkeitsfilter ● Abstraktion, Stereotype und Vorurteile sowie Rückbezüge auf archaische Welt- und Menschenbilder oder vermeintlich überschaubare(re) Gesellschaftssysteme (Nationalismus) als Lösungsversuche / Gedankenmodelle für die komplexe Realität verfremden die Wirklichkeit und distanzieren / isolieren uns von unserem unmittelbaren Erleben. Das, was wir nicht (mehr) verstehen können, entfesselt durch diese Wirklichkeitsfilter betrachtet Grobes, Vernichtendes.
Es regiert das erlernte Gesetz des Wettbewerbs in allen Lebenslagen. Vermeintlich kann es nur einen geben: den Schöneren, Jüngeren, Stärkeren, den (Erfolg)Reicheren: den Gewinner. Verachtung wird bei der Produktion von Asymmetrie und Ungleichheitseffekten ideologischerweise groß geschrieben.

Wir arbeiten mit einer Schauderwirklichkeit*, mit einem naiven Bild einer möglichen Wirklichkeit, wie sie unserer Vorstellung entspricht. Wir rufen Krisen aus, sezieren Zusammengehörendes, wechselseitig Wirksames in seine Einzelteile, halten die Fokussierung auf einzelne Probleme für die Lösung, den richtigen, einzig zielführenden Umgang mit Komplexität.

Und das Imaginäre hält uns fest im Griff.

Uns treibt der Wunsch nach der Beherrschung des Noch-nicht-Existierenden. Die Idee der zukünftigen Freiheit und Sicherheit ist der Widerspruch, an dem wir uns mit unterschiedlichen ideologischen Entwürfen – je nach politischer und ethischer (religiöser) Überzeugtheit – abarbeiten.
Diese Freiheitsfiktion ist ein von Ambivalenz gezeichnetes Paradoxon zwischen Utopie und totaler Kontrollgesellschaft. Sie manifestiert sich als Wille zur idealen Gesellschaft, als Arbeit am Entwurf eines Lebens zwischen gelungener (identitärer versus inklusiver) Selbst- und Gemeinschaftsentwicklung und Überwachung und Strafe.

Wahlweise wird einerseits auf Vertrauen in das Individuum (seine Triebe und Handlungen) und die Allgemeinheit (und ihre Entwicklung) gesetzt. Andererseits, basierend auf Misstrauen, wird eine härtere Vorgehensweise gegen den Einzelnen und ein dichteres gesetzliches Regelwerk, ein Kontrollkorsett der Überwachung und erweiterten Sanktionierung angestrebt.

So, wie Galilei das geozentrische Weltbild ins Reich der Fiktion verbannte, wechselten im Laufe der Jahrhunderte viele naturwissenschaftliche Annahmen / Modelle ihren Charakter und ihre Gültigkeit. (Die Grenzen von Fiktion und Hypothese verschwimmen mitunter. Und: Die Degradierung zur Fiktion droht Hypothesen heute mehr denn je.)
Umgekehrt werden manifeste Tatsachen wie die Klimaerwärmung von Vertretern einer bestimmten Weltsicht exemplarisch zur Fiktion erklärt, steht sie doch in klarem Widerspruch zu deren (wirtschaftlichen) Perspektiven. So wird ein weiteres Denkgerüst, eine systemische Krücke,
zur weltgesellschaftlichen / planetaren Bedrohung.

Und je mehr Bilder es von der sogenannten Wirklichkeit gibt, desto mehr scheint sie sich uns in ihrer Komplexität zu entziehen.

Politik als Empfindungsspektakel ● Die Politik als Empfindungsspektakel zielt auf die Bewegungsnerven ab. Sie verwandelt Ohnmacht in Masse und (gefühlte) Macht. Hilfsbegriffe werden zu Steigbügeln einer Wirklichkeitskonstruktion, Bilder schaffen Möglichkeitsräume, die sich zunehmend auch in (Fehl-)Handlungen manifestieren.

Die negativen Effekte unserer Kultur werden als Nebenwirkungen abgetan, die systemischen Fehler als unumstößlich wahrgenommen.

Unsere engen Vorstellungen vom prinzipiell Möglichen und Unmöglichen und die erklärten »Leitwissenschaften« helfen uns bei der Orientierung am Tradierten / scheinbar Bewährten / am (für uns) Realen.

* Vgl.: Paul Watzlawick: »Wenn die Lösung das Problem ist«, Vortrag, Evangelisches Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart, 1987


Paul Divjak studierte an der Zürcher Hochschule der Künste und promovierte an der Universität Wien zum Doktor der Philosophie. Er beschäftigt sich mit Phänomenen der Wahrnehmung, kulturellen Zeichensystemen und Fragen der individuellen wie kollektivierten Erinnerung. In der Edition Atelier erschien zuletzt Der Geruch der Welt und Vorbereitungen auf die Gegenwart.


Divjak_Vorbereitungen_auf_die_Gegenwart_Cover_3D

 

Paul Divjak
Vorbereitungen auf die Gegenwart
Essay

 

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