Baum_HintergrundDer Text Makkaroni in der Dämmerung erschien erstmals 1931 in der Berliner Zeitschrift Die Dame, in der die Schriftstellerin und Feuilletonistin Vicki Baum bis zu ihrer Emigration in die USA als Redaktionsmitglied tätig war.
Anlässlich des 130. Geburtstages am 24. Januar 2018 erscheint das Buch Makkaroni in der Dämmerung, das zahlreiche ihrer Feuilletons aus Wien, Berlin und Hollywood versammelt. Der von der Germanistin Veronika Hofeneder herausgegebene Band macht Vicki Baums Feuilletons aus den Jahren 1908 bis 1941, die in über 35 verschiedenen Magazinen erschienen sind, erstmals in Buchform zugänglich.
Ein Vorabdruck:


Makkaroni in der Dämmerung

(Die Dame, 1931)

Als ich ein Baby war, bekam ich viele Bilderbücher geschenkt; das hörte auf zwischen meinem fünften und sechsten Jahr, in der Zeit, da ich mit viel Kunst und Zähigkeit das Lesen erlernte. Aber neuerdings hat es wieder angefangen. Bilderbücher sind ein Geschenkartikel geworden, der sich auf dem Gabentisch des modernen Erwachsenen zu Haufen türmt. Das hängt erstens zusammen mit den Fortschritten der Fotografie und den Errungenschaften der Drucktechnik, habe ich mir sagen lassen. Und zweitens mit jenen infantilen Eigenschaften, die sich im Wesen des modernen Erwachsenen großgezüchtet haben: Ungeduld und Neugierde.
Wozu sich noch die Mühe machen, zu lesen? denkt dieser moderne Erwachsene, da man doch alles und jedes fotografieren kann! Ihm fliegen die gebratenen Resultate ins Gehirn, er braucht nicht mehr den Umweg des Denkens zu Hilfe zu nehmen. Tiere sehen uns an, Kinder sehen uns an, Dinge sehen uns an – und wir sehen sie an, mit einem ziemlich beschwerdelosen Vergnügen und ohne viel Kritik. Die Fotografen, diese Teufelskerle, kommen doch hinter alles. Sie zeigen uns: das Gesicht der Städte, das Antlitz der Zeit, Frauen von heute, den Mann von morgen. Sie entdecken Wolkenkratzer, Hände, die Staubfäden der Feuerlinie, Totenmasken, das Liebesspiel der Stichlinge, den Tanz der Maschinen und die Landschaft, die sich in einem Wassertropfen spiegelt. Sie knipsen, und wir brauchen überhaupt nichts mehr zu tun. Wir kriegen alle Eindrücke fertig belichtet und vorgekaut.
Es gibt da eine Art von Fotografien, die sehr überhandgenommen haben. Ich habe zu meiner inneren Erleichterung den Sammelnamen »Makkaroni in der Dämmerung« dafür erfunden. Weiß man, was ich meine? Ich meine: Zweihundert Zwirnspulen auf einer Tischplatte, ein bißchen Lichtspielerei und ein bißchen Perspektivzauber. Ich meine: Achtzehn Paar Schuhe hintereinander aufgestellt, und so von schräg unten aufgenommen, daß sie wie eine Straße oder ein Turm aussehen. Marke: Sachliche Fotografie. Ich meine: Aus einem Jutesack (wunderbar wie das Material lebt! sagt der Kenner) fließen dreieinviertel Pfund geschälter Reis. Sieht das nicht wunderbar aus?
Ja, liebe Fotografen, das sieht wunderbar aus, wenn man es zum erstenmal sieht. Auch beim drittenmal noch macht es Eindruck und beim zehntenmal Vergnügen. Aber beim hundertstenmal fängt es an, langweilig zu werden. Wir sind langsam hinter eure Tricks gekommen, wir kennen euer ewiges Treppenhaus, von unten her zur Schnecke zusammengeschoben, eure kühn verkürzten Hausfassaden und eure Schornsteinsilhouetten. Ihr kommt noch immer, seit drei oder vier Jahren kommt ihr und wollt uns immer wieder mit der gleichen Sache überrumpeln. Aber wir wissen schon! Achthundert Teerfässer. Gut. Tausend Glasplatten. Schön. Zwölfhundert Holzlöffel. Ausgezeichnet. Zweitausend Allgäuer Käse. Prachtvoll. Viertausend Pfund Makkaroni. Wunderbar, wie das aussieht. Und so sachlich – nicht?
Bitte um Entschuldigung: Nein. Es ist nicht so sachlich und heutig und schlagwortmäßig einwandfrei, wie es beansprucht, zu sein. Es ist sehr viel Arrangement dabei, Jupiterlicht von links oben und eine spiegelnde Glasfläche darunter und ein Reflex, mit Silberpapier herausgekitzelt, und es ist viel Routine dabei, ein bißchen zuviel Routine. Es sind nicht Makkaroni schlechthin, sondern Makkaroni in der Dämmerung.
Das ging mir so durch den Kopf, als ich die Bilderbücher durchblätterte, die mir der liebe Weihnachtsmann gebracht hat, weil ich das Lesen verlernt habe wie sehr viele Zeitgenossen. Ich möchte die Namen der Bücher nicht nennen, die ich meine, es sind sehr gute Bücher und die besten Fotografen dabei, und es könnte aussehen wie bösartiges und unangebrachtes Meckern. Während es im Gegenteil eine Ermutigung sein soll:
Los von den Makkaroni, liebe und dankbar verehrte Fotografen, und auf zur Entdeckung neuer und bewegterer Dinge …


Baum_Makkaroni_in_der_Daemmerung_3DVicki Baum
Makkaroni in der Dämmerung
Feuilletons
Hg. und mit einem Vorwort von Veronika Hofeneder
320 Seiten
Gebunden mit Lesebändchen
Erscheint im Januar 2018
Erstmals als Buch » mehr Infos

Die Präsentation des Buches findet am 24. Januar 2018, Vicki Baums 130. Geburtstag, im Literaturhaus Wien statt. » Einladung zur Buchpräsentation

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Ein Kommentar zu „Makkaroni in der Dämmerung (Vicki Baum)

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