Das weisse KaninchenTiere und Literatur: Das ist seit Anbeginn ein Liebesverhältnis. Martin Thomas Pesl hat Fährten aufgenommen, Spuren verfolgt und festgestellt: Der Einsatz vierbeiniger Freunde, gefiederter Feinde, schwimmender Gefahren und trompetender Hindernisse in literarischen Werken ist vielfältiger, als man denkt.
Vom Affen Rotpeter bei Kafka über die Esel bei Orwell und Cervantes bis zu Murakamis Frosch, von Nabokovs Grauhörnchen über den Fuchs im Kleinen Prinzen bis zu Martin Suters Elefant und Michail Bulgakows Kater – ihnen und noch vielen mehr ist er auf seiner literarischen Spurensuche von der Antike bis zur Gegenwart begegnet.
(Martin Thomas Pesl: Das Buch der Tiere. 100 animalische Streifzüge durch die Weltliteratur)

Autor: Lewis Carroll
Titel: Alice im Wunderland
(aus dem Englischen von Antonie Zimmermann)
Originalfassung: 1865

»Alice fand es auch nicht sehr außerordentlich, daß sie das Kaninchen sagen hörte: »O weh, o weh! Ich werde zu spät kommen!« (Als sie es später wieder überlegte, fiel ihr ein, daß sie sich darüber hätte wundern sollen; doch zur Zeit kam es ihr Alles ganz natürlich vor.) Aber als das Kaninchen seine Uhr aus der Westentasche zog, nach der Zeit sah und eilig fortlief, sprang Alice auf; denn es war ihr doch noch nie vorgekommen, ein Kaninchen mit einer Westentasche und einer Uhr darin zu sehen. Vor Neugierde brennend, rannte sie ihm nach über den Grasplatz, und kam noch zur rechten Zeit, um es in ein großes Loch unter der Hecke schlüpfen zu sehen.«

Nivens McTwisp. So heißt das weiße Kaninchen in der Verfilmung von Tim Burton und in einem darauf basierenden Videospiel, in dem seine Superkraft darin besteht, die Zeit zu beeinflussen. Eine katastrophale Fehldarstellung des Wesens, von dem jedes Kind weiß: Es ist spät dran! Jeder, der mal spät dran war, widmet seine dabei erlittenen Schweißausbrüche ehrfurchtsvoll dem weißen Kaninchen.
Und außerdem braucht das weiße Kaninchen doch bitte keinen Namen! Es ist das weiße Kaninchen, eine der langlebigsten, ikonischsten Gestalten der Literaturgeschichte, Drogen sei Dank.
Im traumartig schummrigen Wunderland ist es wahrscheinlich die normalste Figur. Es ma-nagt (!) aus dem Hintergrund die Agenden der Herzkönigin, ohne übermäßig grausam zu ihren Untertanen zu sein. Manchmal liefert es der verwirrten Alice (und den Lesern) sogar ein paar dringend benötigte Erklärungen. Das darf aber über eines nicht hinwegtäuschen: Es ist an allem schuld. Ihm folgte die gelangweilte Alice in den Kaninchenbau. Das weiße Kaninchen war ihr »weißes Kaninchen«.
Und hier beginnt die Reise eines kleinen Zuspätkommers in die Popkultur: »Mein weißes Kaninchen« sagt man spätestens seit dem Film Matrix 1999 zu der Person, der man überallhin folgt – weil: verliebt, fasziniert, abhängig. Egal. XY ist auf der Party? Ach so, dann gehe ich auch hin. Sie ist mein »weißes Kaninchen«.
In weiterer Folge ist das »White Rabbit« auch der Einstieg in den Drogenkonsum. »One pill makes you larger, and one pill makes you small«, heißt es im entsprechend betitelten Song von Jefferson Airplane aus dem Jahr 1967. Dank des scheinbar offensichtlichen literarischen Bezugs schmuggelte die Band den Text mit seinem halluzinatorisch-psychedelischen Inhalt an der Zensur vorbei. High, so heißt es, hört sich der Song am besten.
Dass »White Rabbit« auch noch eine chinesische Bonbonmarke, eine Gruppe von Bildhauerinnen Ende des 19. Jahrhunderts, ein Netzforschungsprojekt, ein Asteroid, eine Reihe von Lauflichtern auf Landebahnen, eine Batman-Comicfigur und ein Spruch ist, den anglophone Abergläubische am ersten Tag des Monats nach dem Aufwachen sagen müssen, lässt durchaus vergessen, dass es sich dabei auch ganz profan um ein Kaninchen handeln kann, dessen Fell die weiße Farbe trägt. Zum Beispiel der nordamerikanische Schneeschuhhase, dessen Fell im Sommer braun, im Winter schneeweiß ist. Ob er wirklich mit Frack und Taschenuhr unter dem Baum in Alices englischem Garten auftauchte? Vielleicht hat sie sich das ja alles nur eingebildet.

Das weisse KaninchenGattung: Lepus americanus
Lebensraum: Wunderland
Beruf: wahrscheinlich Drogendealer
Dresscode: elegant
Merkmal: Taschenuhr
Menschlichkeitsfaktor: *****
Natürlicher Feind: die Zeit
Filmdarsteller: Michael Sheen

Martin Thomas Pesl lebt als Autor, Übersetzer, Sprecher und Lektor in Wien. Er ist freier Theaterkritiker bei der Wiener Stadtzeitung Falter.

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Martin Thomas Pesl
Das Buch der Tiere
100 animalische Streifzüge
durch die Weltliteratur.
Illustriert von Kristof Kepler
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